Ökumenische Arbeitsgruppe
Versteckte Armut Allschwil/Schönenbuch

 

 

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Artikle in kirche heute, Ausgabe 10, Jahrgang 39, 7. März 2010


VAAS hilft bei finanziellen Engpässen

Arbeitsgruppe «Versteckte Armut in Allschwil-Schönenbuch» hilft rasch und unkompliziert

Die ökumenische Arbeitsgruppe «Versteckte Armut in Allschwil-Schönenbuch» hilft Menschen, die knapp am oder unter dem Existenzminimum leben, finanzielle Engpässe zu überwinden. Das Modell wurde am 1. ökumenischen Diakonietag Baselland am Tagungsort Leuenberg in Hölstein vorgestellt.»

Es gibt in Allschwil und Schönenbuch Menschen, die ab Mitte Monat nichts mehr zu essen haben», erzählt Raymond Bulloni. Der Pensionierte ist seit zwölf Jahren Mitglied der ökumenischen Arbeitsgruppe Versteckte Armut in Allschwil-Schönenbuch (AG VAAS) und begleitet Menschen in finanziellen Notlagen. Menschen, denen man die Armut oft nicht ansieht. «Ich lernte eine für mich neue Welt kennen.» Die Welt der Asylsuchenden, Arbeitslosen, Randständigen und damit den Alltag jener Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. «Ich habe sehr viel gelernt. Lebenssituationen, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt», sagt Bulloni.
Die VAAS-Gruppe besteht aus neun bis zehn Personen der katholischen und reformierten Kirchgemeinden Allschwil-Schönenbuch. Die Leitung teilen sich der katholische Gemeindeleiter Norbert Malsbender und die reformierte Pfarrerin Elke Hofheinz. Ein Ausschuss nimmt die Gesuche entgegen, trifft Vorabklärungen und bereitet einen Vorschlag vor. An zehn Sitzungen pro Jahr werden die Gesuche behandelt. Dabei werden auch immaterielle Hilfen, die Weiterweisung an die Sozialen Dienste oder Gesuche an andere karitative Organisationen diskutiert.
Pro Sitzung werden vier bis acht Gesuche behandelt. Bei Gesuchen bis Fr. 500.– kann ein Gruppenmitglied in Absprache mit einem zweiten Gruppenmitglied entscheiden. Bei höheren Beträgen braucht es den Beschluss der Gesamtgruppe. Manchmal schrei¬ben die Sozialen Dienste die Gesuche an die Arbeitsgruppe, beispielsweise wenn jemand schnelle, unbürokratische Hilfe braucht, oder in Fällen, in denen die Sozialen Dienste aufgrund der Reglemente keine Unterstützung leisten dürfen, diese aber grundsätzlich als sinnvoll erachten.


Der katholische Gemeindeleiter Norbert Malsbender im Gespräch
mit der reformierten Pfarrerin Elke Hofheinz.

Den Menschen sehen

Die VAAS hilft Menschen, die am oder unter dem Existenzminimum leben, akute finanzielle Notlagen zu überbrücken. Beispielsweise bei unvorhergesehenen Rechnungen, die eine Person oder eine Familie nicht mehr aus eigener Kraft bezahlen kann. Das kann eine Zahnarztrechnung sein, ein Ferienlager für ein Kind oder auch eine Weiterbildung, die die Situation auf lange Sicht verbessert. Für langfristige Unterstützung sind die Sozialen Dienste zuständig. Die VAAS hilft Menschen, die zwischen die Maschen der Reglemente fallen und für die niemand zuständig ist.
Zwei Beispiele: Ein selbstständig Erwerbender pflegt seine kranke Partnerin und hat dadurch immer weniger Einkünfte. Seine finanzielle Situation verschärft sich. Nach dem Tod seiner Partnerin hilft ihm die VAAS, seine Finanzen wieder in den Griff zu bekommen, indem sie für eine kurze Zeit einen Teil der Lebenskosten übernimmt. Gleichzeitig unterstützt sie ihn dabei, nachhaltige Lösungen zu finden. Der Mann sucht einen Untermieter und kann so die Mietkosten reduzieren. «Dadurch wurden in ihm neue Kräfte freigesetzt, so dass er auch seine anderen Probleme angehen konnte», berichtet Hofheinz.
Das zweite Beispiel: Ein Sozialhilfebezüger wünscht sich einen Schrebergarten, doch das Geld reicht nicht für die Pacht. Die Arbeit im Schrebergarten würde dem Mann jedoch gut tun. Er hätte eine Beschäftigung und käme mit anderen Menschen in Kontakt. In diesem Fall hat die VAAS einen Teil der Pacht übernommen.
Nur selten übernimmt die VAAS die gesamten Kosten eines Antrages. Die Gesuchsteller müssen selber einen Beitrag leisten. «So behalten sie die Verantwortung für ihr Leben», sagt Hofheinz. Für die VAAS-Gruppe ist es wichtig, nicht nur das Portemonnaie zu zücken, sondern auch, dass die Menschen ihre Würde behalten. «Wir möchten eine Begleitung auf Augenhöhe bieten», betont Malsbender. Das kann heissen, dass die VAAS einem ausländischen, kaum Deutsch sprechenden Langzeitarbeitslosen, der isoliert in einer Einzimmerwohnung lebt, eine stundenweise Arbeit im Kirchenzentrum vermittelt. Mit dem Lohn kann er die Hälfte eines Deutschkurses bezahlen. Der Mann hat eine Aufgabe und kommt aus seiner Isolation heraus.

Auch Arme haben Wünsche

Weitere Hilfsangebote der VAAS sind die Weihnachtspaketaktion und der Sommer- oder Weihnachtsbatzen: «Geld, das sie brauchen können, wie sie es möchten, ohne jemandem Red und Antwort stehen zu müssen», sagt Hofheinz. Dies sei oft ein kleiner, persönlicher Luxus, der für andere selbstverständlich ist, beispielsweise ein Kinobesuch oder ein Besuch im Zoo. Bei der Weihnachtspaketaktion macht die VAAS eine anonymisierte Beschreibung der Lebenssituation eines Empfängers. Mit diesen Angaben stellen Spender ein Paket mit Lebensmitteln zusammen. Die VAAS-Gruppe verteilt die Pakete.
Die AG VAAS wurde im Anschluss an die ökumenische Versammlung «Frieden in Gerechtigkeit» 1989 gegründet, mit dem Ziel, für die Situation der neuen Armutsbetroffenen zu sensibilisieren. «Wir wollten lediglich informieren, doch bei den Veranstaltungen erhielten wir erste Spenden», erinnert sich Malsbender. Um dieses Geld sinnvoll zu verteilen, gründeten die Allschwiler Kirchgemeinden die AG VAAS. Heute ist sie in Allschwil und Schönenbuch eine anerkannte Hilfsorganisation, die von privater Seite und den Kirchgemeinden unterstützt wird. «Das zeigt mir, dass wir nach wie vor in einer solidarischen Gesellschaft leben», betont Malsbender.

Cornelia Thürlemann